Dr. med. Jörg Bayer, Ärztlicher Direktor der Klinik für Unfallchirurgie und Orthopädie im Schwarzwald-Baar Klinikum beim Vortrag der Initiative Schlaganfall

Forum Initiative Schlaganfall im November

„Hals- und Beinbruch – zurück zur Mobilität“

Die Initiative Schlaganfall hatte Dr. med. Jörg Bayer, den Ärztlichen Direktor der Klinik für Unfallchirurgie und Orthopädie im Schwarzwald-Baar Klinikum zum Vortrag eingeladen.

Ein Knochen ohne Knochenhaut ist wie eine Pflanze ohne Erde…

Dr. Bayer. „Das Wissen um Knochenbrüche hat sich entwickelt, früher wurden die Knochen zusammengefügt und dabei oftmals die Knochenhaut entfernt. Das ist so, wie wenn bei einer Pflanze die schützende Erde fehlt. Damit wird die Ernährung für die Pflanze und analog für den Knochen geopfert. Wir wissen, dass der Knochen Wurzeln in den Weichteilen hat, in der Knochenhaut, wodurch er sich ernährt. Der Mensch hat unterschiedliche Knochen. Lange Röhrenknochen (z.B. Schienbein) werden von innen geschient, mit einem Titannagel werden die Knochenteile verbunden. Dabei wird die Knochenhaut überhaupt nicht angetastet, das beste Verfahren für diesen Fall. Bei anderen Operationen werden Schrauben und Platten eingesetzt, die mit kleinen Schnitten eingebracht, in die richtige Position und mit Schrauben am Knochen angebracht werden. Sichtbar ist ein kleiner Schnitt zum Einschieben der Platte und mehrere kleine Schnitte zum Fixieren der Platte am Knochen – ein minimalinvasiver Eingriff“.

Ein Knochen ist nicht gleich Knochen Röhrenknochen werden anders operiert

In der modernen Unfallchirurgie werden Hilfsmittel benötigt, um während der OP „in den Patienten“ hineinzuschauen. Bei kleinen Schnitten können Wirbelsäule oder Becken operiert werden. Und weil es nur wenige kleine Schnitte gibt, kommt es zu wenig Blutverlust. Der Patient kann nach der OP sofort wieder aufstehen, die Muskulatur anstrengen und damit mobil sein.

Übrigens: der häufigste Knochenbruch beim Menschen ist der Speichenbruch, der entsteht, wenn man stürzt und sich mit der Hand abstützen will. Früher wurde dieser Bereich eingegipst, der Patient musste 6-8 Wochen den Gips ertragen, heute wird operativ eingegriffen. Eine Platte fixiert die gebrochene Speiche und der Patient kann sofort funktionell das Handgelenk wieder bewegen und einsetzen.

Das Risiko für die Volkskrankheit Arthrose – einem Gelenkverschleiß – nimmt mit dem Alter zu. Arthrose entsteht durch ein Ungleichgewicht zwischen Belastung des Gelenkes und der Belastbarkeit des Knorpels, der Knorpel geht unter Belastung zugrunde, im Extremfall reibt Knochen auf Knochen – das macht Schmerzen. Die Symptome der Arthrose sind vielfältig, mancher hat nächtliche Schmerzen aber keine Belastungsschmerzen, typisch sind morgendliche Anlaufschmerzen, andere haben Belastungsschmerzen bei längerem Spazierengehen oder Tragen von Lasten, mancher ist wetterfühlig, andere haben aufgrund von Entzündungsreaktionen einen Ruheschmerz. Da die Tendenz zur Verschlechterung klassischerweise vorhanden ist, empfiehlt es sich, einen Orthopäden aufzusuchen.

Nachhaltigkeit für den Patienten – jeder sollte seine eigenen Ziele erreichen, der eine will sportlich noch einmal durchstarten, andere suchen das gesellige Beisammensein

Der endoprothetische Ersatz des Hüftgelenks ist eine der erfolgreichsten und segensreichsten Operationen der Menschheit. Er zählt zu den 10 häufigsten Operationen in Deutschland.  Minimalinvasive Zugänge ermöglichen, dass keine Sehnen abgelöst werden und die Muskulatur nicht geschädigt wird. Bei Patienten mit Osteoporose muss Zement implantiert werden, um eine sichere Verbindung zwischen Knochen und Prothese zu erhalten. Bei guter Knochenqualität wird eine beschichtete Prothese eingesetzt, die zementfrei eingesetzt wird. Der Patient kann direkt nach der OP wieder aufstehen und sich mobilisieren.

Dr. Bayer: „Beim Kniegelenk muss der Operateur sich mit dem Patienten vertraut machen, mit entsprechenden Aufnahmen kann die Größe der Prothese im Bereich des Oberschenkels und des Unterschenkels geplant und ausgerichtet werden. Der Patient soll die ursprüngliche Gelenkstabilität und Gelenkspannung zurückerhalten, er soll nach einer OP wieder aktiv sein, vielleicht Skifahren, Radfahren, Bergwandern, Schwimmen – und das ist möglich! Was Sie vor der Arthrose machen konnten, können Sie auch mit ihrer Hüft- und/oder Knie-Prothese machen!“

Minimalinvasive Zugänge – keine Sehnen müssen abgelöst werden, die Muskulatur wird nicht geschädigt, dazu kommt ein geringer Blutverlust

Fakt: Hüftendoprothesen halten länger als 15 Jahre (für 90 %), wobei sehr viele 20 oder 25 Jahre im Patienten verbleiben. Bei Kniendoprothesen muss man unterscheiden: Beim Teilgelenkersatz eher 15 Jahre, beim kompletten Knie verhält es sich ähnlich wie bei einer Hüfte.

Kommen Patienten mit einem Schenkelhalsbruch ins Klinikum – er ist meist ein Indikatorbruch bei älteren Patienten, ist die Ursache oft Osteoporose. Ein Hinweis: die Knochendichte hat gelitten.

Dr. Bayer: „Die Osteoporose hat auch den Beinamen verstümmelnde Erkrankung, wenn man sie nicht therapiert. Die Knochenheilung ist reduziert, die Knochendichte ist reduziert. Damit bringt jeder Sturz das Risiko eines weiteren Knochenbruchs – das heißt mehr Krankenhausaufenthalte, weniger Mobilität. Aber man kann helfen, wenn man die Osteoporose rechtzeitig erkennt. Sie sollten eine DEXA-Messung durchführen lassen, eine Knochendichtemessung mit einem speziellen Verfahren, das den Empfehlungen und Leitlinien der Gesellschaft für Osteologie folgt“.

Knochenbrüche und Osteoporose – gerade für Ältere ein wichtiges Thema

Im Ergebnis dieser Messung kann eine Therapieschwellenbestimmung erfolgen. Ärzte legen ein Kontrollintervall fest, um das Risiko eines Knochenbruchs nach Sturz zu minimieren. Es wird die Knochendichte erneut gemessen um Veränderungen festzustellen. Steigt das Sturzrisiko, werden Calcium, Vitamin D, die Hormone und Schilddrüsenwerte untersucht, es wird auch nach der Häufigkeit von Knochenbrüchen in der Familie gefragt. Wichtig sind: Calcium, Vitamin D, eine eiweißreiche und hochkalorische Kost und körperliches Training – Kraft, Balance und Koordination – um Risikofaktoren zu minimieren. Bedenken muss der Arzt auch modifizierte Risikofaktoren wie Untergewicht und Schilddrüsenprobleme.

Dr. Bayer: „Wir wollen, dass die Patienten direkt wieder in die Gänge kommen – erstmal mit den Physiotherapeuten auf die Gänge kommen“

Es gibt Medikamente, die dem Knochenschwund entgegenwirken. Im ersten Schritt muss verhindert werde, dass Knochen abgebaut werden, man spricht von antiresorptiver Therapie. Moderne Medikamente sind für die osteoanabole Therapie vorgesehen, die den Knochenaufbau unterstützen.

Dr. Bayer: „Ganz, ganz wichtig ist die Sturzprävention – den Teppich lieber wegräumen, steigern der körperlichen Aktivität um Muskulatur zu stärken und das Gleichgewicht zu trainieren. Wir wollen, dass die Patienten direkt wieder in die Gänge kommen – erstmal mit den Physiotherapeuten auf die Gänge kommen“. Frühmobilisation nach Frakturen heißt: Balance-Flexibilität (1-2 Stunden pro Woche), Kraft-Training (2-3x pro Woche) und Ausdauertraining (5 x 30 Minuten pro Woche“.