Prof. Dr. Dr. Norbert Grulke. Bild: Tobias Fröhner

Interview mit Prof. Dr. Norbert Gruhlke in Kooperation mit dem Magazin Lebenswege

Wenn die Seele trauert und keiner merkt es

Vielen fällt es schwer, über die eigene Psyche zu sprechen

Nach Information der Stiftung Deutsche Depressionshilfe gehören Depressionen zu den häufigsten und am meisten unterschätzten Erkrankungen, die in jedem Alter auftreten können. Zu Ursachen und Behandlung befragten wir Prof. Dr. Dr. Norbert Grulke, den Ärztlichen Direktor der Luisenklinik in Bad Dürrheim. Über Krankheiten wird viel gesprochen, ausführlich und sehr emotional. Aber nur wenige sprechen gern offen über psychische Probleme. Warum ist es schwierig, über die eigene Psyche zu sprechen?

Stellen Sie sich vor, ein Mann am Stammtisch sagt, „He Kumpels, ich habe eine Angtsstörung“… unvorstellbar. Nach wie vor redet man ungern über psychische Störungen, hat Angst vor Stigmatisierung. Hier gibt es großen Nachholbedarf. Bereits in den frühen Hochkulturen hatte man die Idee, dass bei psychischen Erkrankungen Dämonen Besitz von Menschen ergreifen. Das wurde zum Teil als Strafe Gottes betrachtet. Im Mittelalter war es oft der Teufel, der auf dem Scheiterhaufen ausgetrieben wurde. Erst ab der französisch bürgerlichen Revolution um 1790 wurde die Behandlung von Geisteskranken humanisiert. Noch heute ist es Tradition, dass man sich mit einer psychischen Erkrankung oft selbst schuldig fühlt, und sie zum Teil auch als Strafe für begangene Sünden versteht. Letztendlich stellte die Weltgesundheitsorganisation 2001 fest, dass die negative Einstellung gegenüber psychischen Erkrankungen das größte Hindernis für Früherkennung und rechtzeitige Behandlung ist.

Entstehen Depressionen auch auf Grund einer schweren Krankheit?

Ja, beispielsweise zirka ein Drittel der Patienten mit Schlaganfall leiden zusätzlich unter einer Depression, das Risiko einer Depression nach einem Schlaganfall ist bei Frauen, bei Patienten, die bereits eine Depression hatten, bei Älteren, bei Aphasie und Demenzkranken höher. Dazu kommt, dass die Depression selbst ein Risikofaktor für schlechtere Verläufe der eigentlichen Grunderkrankung ist. Wenn jemand depressiv ist, verläuft diese so, dass die Betroffenen später weniger motorische und kognitive Fertigkeiten (Gedächtnis, Vernunft) haben, als Menschen, die ausschließlich körperlich erkrankt sind. Das betrifft auch andere schwere Krankheiten, wie Herz-Kreislauferkrankungen und Krebserkrankungen. Wichtig ist, die Psyche zu beachten, genauer zu untersuchen und ausreichend zu behandeln. Dies ist sehr wichtig für die Lebensqualität. Menschen mit einer schweren Erkrankung versuchen leider oft, psychische Probleme weit weg zu schieben.

Wie lange dauert eine Depression?

Eine depressive Episode dauert durchschnittlich vier bis sechs Monate, die Wiedererkrankungsrate liegt bei mehr als 50 Prozent. Das vor allem, wenn die erste Episode unbehandelt ist. Deshalb ist es wichtig, Depressionen zu behandeln.

Wie merke ich denn, dass ich depressiv bin?

Typische Symptome sind Verlust von Interesse und Freude. Was früher Spaß gemacht hat, macht man nicht mehr. Eine Traurigkeit ist erst mal keine depressive Verstimmung. Ist die Traurigkeit über längere Zeit stark vorhanden oder geht in Gefühllosigkeit über, ist es oft eine schwere Depression. Vor allem die Leere ist schwer auszuhalten. Verminderter Antrieb ist ein weiteres Merkmal und gelegentlich mit unglaublich innerer Unruhe verbunden. Man will viel tun und stellt am Abend fest, dass man nichts geschafft hat. Zur Depression gehört ein vermindertes Selbstwertgefühl. Das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten verschwindet. Dazu kommen Suizidgedanken und suizidale Handlungen. Auch negative und pessimistische Zukunftsbilder, Gefühle von Schuld und Wertlosigkeit, verminderte Konzentration, Schlafstörungen, geringe Aufmerksamkeit und wenig Appetit sind typische Anzeichen. Orthopädische Patienten, die gleiche Einschränkungen haben wie Schlaganfallpatienten, sind weniger depressiv als die mit einem Schlaganfall. Hirnorganische Veränderungen können zusätzlich Wesensveränderungen ausmachen. Dann fangen Leute plötzlich auf einer Beerdigung an zu lachen. Eine depressive Verstimmung sollte man aber nicht verwechseln mit der normalen Trauer. Ich bin überzeugt, dass, wer nicht traurig sein kann, auch nicht glücklich sein kann. Normale Stimmungsschwankungen sind keine Depression.

Was sind die Ursachen einer Depression?

Es gibt ein Sammelsurium. Das können frühkindliche Erfahrungen und auch spätere Lebenserfahrungen sein, zum Beispiel Trennungserfahrungen, frühe Gewalterfahrungen oder Missbrauch. Auch das Gefühl, dass ich machen kann was ich will, ich krieg das eh nicht hin, ist ein Risikofaktor. Genetischen Faktoren können eine Rolle spielen. Niemand kann heute beantworten, ob es hirnorganisch oder psychologisch bedingte Auslöser sind. Auch Stress und die Befürchtung, dass man sein gewohntes Leben nicht mehr weiterleben kann, beispielsweise durch eine schwere Krankheit wie dem Schlaganfall, kann eine Depression auslösen. Selbst pflegende Partner können betroffen sein. Die Wissenschaft ist weit davon entfernt, zu verstehen, wie körperliche und psychische Probleme miteinander funktionieren. Eine Anlage zur Depression kann vererbt werden. Es gibt aber kein Gen dafür. Auch positive Ereignisse können eine Depression auslösen. In den USA wurde festgestellt, dass für Männer eine Hochzeit ähnlich belastend ist, wie ein kurzer Aufenthalt im Knast. Man weiß auch, dass die Empfindlichkeit für Stress zum Teil vererbt wird, auch an die übernächste Generation. Wir tragen halt unser ganzes Leben im Rucksack mit schlechten und guten Ereignissen. Wir Menschen erinnern uns auch leichter an schlechte als an gute Dinge. Merke: Man sollte mehr Gutes erleben.

Wie bekommt man die Depression wieder in den Griff?

50 Prozent liegen bei der medizinischen Versorgung und die anderen 50 beim Patienten. In der Akutbehandlung hat die Seele leider oftmals keinen Platz. Je schwerer die körperliche Grunderkrankung ist, desto weniger wird die seelische Empfindlichkeit betrachtet. Das liegt mitunter an der Verfügbarkeit der Versorgungsstruktur. Betroffene selbst sollten ärztliche Behandlung suchen und keine Angst vor offenen Gesprächen haben. Sport und Sozialkontakte sind sehr wichtig, auch ein Kaffeeklatsch ist ideal. Das menschliche Gehirn braucht Übung. Was man nicht übt, das verkümmert im Leben. Unbedingt sollte man aus dem Haus gehen, nicht die Decke über den Kopf ziehen. Bei spezieller Depressionsbehandlung ist Psychotherapie, gegebenenfalls in Kombination mit neuropsychologischer Behandlung, sehr wirksam. Medikamente allein sind nur bedingt hilfreich. Setzt man sie wieder ab, steigt das Risiko für einen Rückfall. Antidepressiva haben wenig Nebenwirkungen und machen entgegen der Gerüchte auch nicht abhängig. Wichtig ist Geduld und der Wille zum Durchhalten. Aber ich möchte auch betonen, dass Angehörige Unterstützung brauchen und gut daran tun, wenn sie sich auch um sich selber kümmern. Die psychische Belastung von Angehörigen ist oft höher als die von den Betroffenen. Eine wichtige Rolle spielen gut funktionierende Selbsthilfegruppen.

Jedem möchte ich raten: Kopf hoch! Dann fühlt man sich nicht nur gleich besser, sondern wird auch von der Umgebung positiv wahrgenommen. Probieren Sie das mal, es lohnt sich.

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