Schlaganfall und Demenz?
Schlaganfall und Demenz gehören zu den größten Gesundheitsrisiken im Alter. Das Gute: Die Gesellschaft wird älter. Der Nachteil: Gedächtnis und Erinnerungsvermögen lassen oftmals nach. Aber sind vergessene Namen oder vergessene Dinge beim „Kellerbesuch“ schon Anzeichen von Demenz?
Prof. Kimmig, Direktor der Klinik für Neurologie am Schwarzwald-Baar Klinikum, hatte zu Beginn 3 Fallbeispiele von Patienten mitgebracht, die irgendwann Auffälligkeiten zeigten, die auf eine Demenz hinweisen könnten.

Was ist Demenz? Prof. Kimmig: „Eine Beeinträchtigung höherer kortikaler Funktionen – dazu gehören Kurz- und Langzeitgedächtnis, Denken, Orientierung, Rechnen, Lernfähigkeit, Sprache und Urteilsvermögen. Wir haben das alles einmal gelernt – mit der Demenz verschwinden diese Funktionen aber. Nicht dazu gehören Bewusstseinsstörungen wie Schläfrigkeit und komatöse Zustände. Der Ausprägungsgrad muss so stark sein, dass Aktivitäten des täglichen Lebens beeinträchtigt werden. Wichtig ist die Dauer der Symptome, man geht davon aus, dass dieser Zustand mindestens 6 Monate anhält und sich nicht verbessert. Nicht zur Demenz gehört ein Verwirrtheitszustand – der Patient ist im Klinikum, ungewohnte Umgebung – sie sind verwirrt, unruhig, die Ärzte sprechen von Delir. In der Regel ist dieser Zustand nach einigen Tagen vorbei. Depression kann ähnliche Zustände zeigen, man spricht auch von Pseudo-Demenz. Das kann behandelt werden und dann verschwinden diese Auffälligkeiten wieder“.

Etwa 1,8 Mio. Menschen mit Demenz leben in Deutschland, es gibt ca. 440.000 Neuerkrankte über 65 Jahre und je älter, desto größer ist der Anteil der Patienten, die an einer Demenz erkranken.

Etwa zwei Drittel sind degenerative Demenzen, langsame schleichende Abbauprozesse. Nervenzellen gehen zugrunde, die häufigste Erkrankung ist da die Alzheimer-Krankheit. Bei der Alzheimer Demenz findet man Ablagerungen eines Proteins, des Beta-Amyloids im Kortex (Großhirnrinde) in Form von Plaques, irgendwann kommt der Untergang der Nervenzellen.

Es entsteht „Zellmüll“, der nicht mehr abgebaut wird. Dieser Prozess dauert Monate, und beginnt i.a. im Gedächtniszentrum, breitet sich weiter aus bis das gesamte Gehirn betroffen ist, das Gehirn schrumpft. Es gibt eine neue Medikamente, die die Amyloid-Plaques auflösen können und die dann ausgeschwemmt werden, das sind Lecanemab und Donanemab. Es gibt da im Moment keine Heilung, sondern nur eine langsamere Verschlechterung, aber mit Risiken. Das bedeutet, man schließt nur Patienten ein, die ganz am Anfang der Erkrankung sind, die mit leichten kognitiven Einschränkungen.

Es gibt aber andere Therapien, die sogenannten symptomatischen Behandlungen. Sie sollen die Alltagskompetenz verbessern aber kaum das Gedächtnis. Und dann gibt es zahlreiche nicht-medikamentöse Therapieansätze, (Bild 7756), damit die Patienten sich besser im Alltag zurechtfinden.

Die zweithäufigste Erkrankung sind die vaskulären Demenzen, sie entwickeln sich aufgrund von Schlaganfällen. Sie entstehen durch Durchblutungsstörungen im Gehirn. Gefäße werden verstopft, nachfolgende Nervenzellen bekommen keine Nährstoffe mehr, keinen Sauerstoff und werden so geschädigt – etwa 80% der Fälle betrifft das. Die anderen 20% sind Einblutungen, ein Gefäß reißt, Blut tritt in das Gehirn ein und schädigt das Gewebe. Der Beginn sind Veränderungen an der Gefäßwand. Cholesterin, Calcium und andere Stoffe werden eingelagert. Werden die Gefäße kleiner im Querschnitt können sie leichter verstopft werden, ein Schlaganfall! Risikofaktoren für derartige Gefäßwandveränderungen: Hoher Blutdruck, hohes Alter, Cholesterinerhöhung, Rauchen, Diabetes, Übergewicht, körperliche Inaktivität und Stress.

Interessante Fakten aus einer Studie:
Prof. Kimmig: “Wird ein Schlaganfall eine Stunde nicht behandelt, gehen etwa 120 Mio. Nervenzellen zugrunde. Über das Leben hinweg verlieren wir im Normalfall auch Nervenzellen. Mit 6-8 Mrd. Nervenzellen kommen wir auf die Welt, es wird dann immer weniger. Der Verlust von 120 Mio. Nervenzellen entspricht einer Studie zufolge dem Verlauf von 3,6 Jahren. Bei einem großen Schlaganfall gehen ca. 1,2 Mrd. Nervenzellen zugrunde – das entspricht einem Verlauf von 36 Jahren. Jeder Schlaganfall führt zu einer beschleunigten Alterung des Gehirns und der Gehirnfunktionen“.

Nach mehreren Schlaganfällen steigt die Wahrscheinlichkeit für eine vaskuläre Demenz auf bis zu 40%. Sie tritt nicht schleichend auf, sondern unmittelbar nach den Schlaganfällen – stufenartig. Das Niveau sinkt jeweils in Stufen ab. Viele kleine Schlaganfälle haben die gleiche Auswirkung wie ein größerer, die dann über die Jahre zu kognitiven Einbußen führen. Wie behandelt der Arzt eine vaskuläre Demenz? Zum einen mit Hilfe von Blutverdünnern, dann Blutdruck- und Cholesterinsenkern und durch eine gute Einstellung des Blutzuckers. Dabei hat eine Senkung des LDL-Wertes auf < 70mg/dl auch eine positive Eigenschaft auf die Gefäßinnenwand und bewirkt eine Senkung des Alzheimer-Risikos.

Ein Hinweis: Im Schwarzwald-Baar Kreis gibt es im Gesundheitsnetzwerk einen Arbeitskreis Demenz, der Angehörige und Patienten unterstützt.
Zur Prävention gibt es eine interessante Studie, die zeigt, wie das Demenzrisiko reduziert werden kann: Ausbildung ist eine ganz wichtige Voraussetzung, Hörverlust, hohes LDL-Cholesterin, Depression, Gehirnverletzungen, körperliche Inaktivität, Diabetes, Rauchen, Bluthochdruck, Übergewicht, Alkoholkonsum und im höheren Alter soziale Isolierung, Luftverschmutzung und Sehverlust sind beeinflussbare Faktoren, die ca. 45% sein können.
Ein abschließender Tipp von Prof. Kimmig: Änderung des „Life-Style“-Verhaltens – nicht Rauchen, Übergewicht verringern, Blutfettwerte reduzieren, wenig Alkohol, mediterrane Kost und körperliche Betätigung, Laufen, Krafttraining und fördern der Beweglichkeit. Und ähnlich wie beim Muskel, der täglich trainiert werden will, sollte auch das Gehirn trainiert werden.

Wenn man das Gehirn nicht benutzt, schaltet es sich ab. Auch bei Gehirnschädigungen durch Schlaganfall oder Demenz kann man Reserven nutzen die da sind. Trainieren sollte man die Merkfähigkeit, Denkflexibilität, Formulieren, Konzentrationsfähigkeit, Fantasie, logisches Denken, Wortfindung, Strukturierung, Wahrnehmung und Urteilsfindung. Vorhandenes Wissen sollte aktiviert werden und alle Sinne genutzt werden: hören, schmecken, riechen, sehen, fühlen, eine regelmäßige Medikamenteneinnahme ist Voraussetzung.



