„Der Blase die Kontrolle geben„
Inkontinenz ist nicht nur bei Menschen nach einem Schlaganfall ein Problem, sondern allgemein ein großes Problem: Mindestens 10 Millionen Menschen in Deutschland haben eine Inkontinenz. Ein Grund für die Initiative Schlagabfall, die Direktorin des Kontinenzzentrums im Schwarzwald-Baar Klinikum zum Vortrag einzuladen.

Frau Prof. Dr. Daniela Schultz-Lampel: „Blasenstörungen können durch natürliche Alterungsprozesse, aber auch aufgrund neurologischer Ursachen auftreten. Nerven steuern die Blase. Sind bei Schlaganfall, Parkinson und Demenz diese Regionen im Gehirn betroffen, kann das zu Kontrollverlusten führen. Obwohl es so viele Menschen betrifft, ist das Thema das Aschenputtel der Gesundheitsprobleme, weil sich viele schämen, es ist ein Tabu-Thema. Man geht deswegen nicht gern zum Arzt. Man bedenke: etwa ein Drittel aller Frauen sind betroffen, etwa ein Viertel der Männer, damit ist Inkontinenz eine sogenannte Volkskrankheit. Dabei ist die Harninkontinenz – das Unvermögen den Urin zu halten – eine Erkrankung nicht nur im Alter.“

Woher kann eine Inkontinenz kommen? Bei Männern im Alter oft aufgrund einer gutartigen Vergrößerung der Prostata oder bei Veränderungen des Blasenmuskels, der sich zusammenziehen muss, um den Urin auszutreiben. Wird er schwach, wird die Blase nicht mehr richtig leer. Dazu kommt, dass der Beckenboden altert: das Bindegewebe wird schwächer und die Muskulatur wird abgebaut.
Bei Frauen kann es zur Senkung des Beckenbodens kommen, alles was mit Schwangerschaft zusammenhängt und gynäkologische Operationen können die Inkontinenz fördern. Übergewicht, chronischer Husten, sowie das große Feld der neurogenen Störungen wie Schlaganfall, Parkinson, Demenz, Diabetes, Bandscheibenstörungen sind ebenfalls oftmals Auslöser von Inkontinenz.

Im Alter kommen oft verschieden Erkrankungen hinzu, sie erhöhen das Risiko einer Inkontinenz. Multimedikation kann die Blasenfunktion beeinflussen, ebenso Bewegungseinschränkungen, Veränderungen im Immunsystem, die mit einer verstärkten Infektanfälligkeit verbunden sein können.

Prof. Schultz-Lampel: „Harninkontinenz gehört zu den häufigsten Störungen, die die Lebensqualität beeinträchtigen, das soziale Leben, das Intimleben, das Partnerleben. Inkontinenz kann viele Folgestörungen auslösen: offenes Steißbein, Hautinfektionen, Infektionen der Blase und Harnwege, häufiges nächtliches Wasserlassen bewirkt Konzentrationsmangel, Müdigkeit und die Gefahr von Stürzen und damit zu Knochenbrüchen steigt. Wir unterscheiden die Belastungsinkontinenz (der Schließmuskel ist schwach) und die Dranginkontinenz (die Blase kann nicht mehr richtig speichern), aber es gibt auch die Kombination von beiden. Bei Frauen ist die Belastungsinkontinenz typisch, sie tritt auf beim Husten, Niesen und Lachen nach Schwangerschaften und Geburten, bei Männern ist die Dranginkontinenz typisch, oft durch die Prostata bedingt.“

Wie kann die Inkontinenz abgeklärt werden? Der Patient wird angeschaut – das Gangbild, ein Uhrentest um die Fitness zu testen, welche zusätzlichen Erkrankungen liegen vor, Urinuntersuchung, Ultraschalluntersuchung, auf einem Fragebogen wird registriert, wer wann wieviel trinkt und wieviel Urin gelassen wird. Mit diesen Untersuchungen kann der Arzt feststellen, welche Form der Inkontinenz vorliegt und dann kann die Therapie eingeleitet werden.

Prof. Schultz-Lampel: “Ganz wichtig ist die Umstellung des Lebensstils, Gewichtsreduktion, mit dem Rauchen aufhören, Beckenbodentraining, auch die Blase trainieren. Andere Möglichkeiten sind eine medikamentöse Behandlung und in einigen Fällen operative Verfahren.“

Die Physiotherapeutin und Beckenbodentherapeutin Melanie Eisele: „Bewegung ist essentiell für die Gesundheit, steigert das Wohlbefinden und beugt vielen Krankheiten vor. Die WHO empfiehlt 150 Minuten wöchentlich moderate Aktivität, ergänzt durch Krafttraining. Aktivität stärkt das Herz, das Immunsystem und den Muskel-Skelett-Apparat. Mehrere Bewegungssnacks von 10 Minuten sind ein guter Anfang.“ Zum Thema Beckenbodentraining, von dem die meisten schon gehört haben gab es einen kleinen anatomischen Exkurs: Der Beckenboden besteht aus vielen Muskeln – das knöcherne Becken wird von unten muskulär gestützt. Alle inneren Organe liegen auf der Beckenbodenmuskulatur. Das sind so ca. 9 kg innere Organe plus Bauchfett, es könnte also bei manchem etwas mehr sein. Die Kooperation des Zwerchfells – verantwortlich für die Atmung – mit dem Beckenboden bedeutet: Beim Ausatmen hebt sich der Beckenboden, der die Funktion hat, die inneren Organe oben zu halten. Das bedeutet beim Ausatmen tun wir schon etwas Gutes für den Beckenboden. Tief Einatmen und dann richtig hörbar Ausatmen. Zwerchfell und Bauchmuskeln sind die Helfer beim Beckenbodentraining, ebenso die Rückenmuskulatur so hält der Beckenboden dem Druck stand.

Ein Tipp von Melanie Eisele: “Beim Aufstehen drücken rund 9 kg innere Organe aufgrund der Schwerkraft gegen den Beckenboden, deshalb sollte man sich beim Aufstehen vorher Aufrichten und gleichzeitig kräftig Ausatmen. Man braucht Beinkraft, das Aufrichten und eine gute Atmung. Zur Stärkung sollte man diese Übung 3 mal 10 Minuten durchführen – das sind die kleinen Bewegungs-Snacks, die jeder täglich für sich tun sollte. Achten Sie auf eine gute Verdauung, Verstopfung macht Druck. Spezialisierte Beckenboden-Therapeuten finden Sie unter www.ag-ggup.de
Es gab auch eine Einladung: Am 6. Juli von 16 – 19 Uhr findet in Donaueschingen im Schwarzwald-Baar Klinikum ein Kontinenztag unter dem Motto „Inkontinenz – sprich drüber. Sie fragen – unsere Experten antworten“ mit offener Sprechstunde statt. Es gibt Kurzvorträge und Einzelgespräche.

